[ACTION #4] Masslose Gegenpoetiken

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»Ich bin nicht gehetzt, ich ersticke nicht, ich bin nicht vernichtet, ich bin nicht verschüttet, ich bin nicht eingekreist, ich bin nicht vernichtet, ich atme.« Christophe Tarkos

 

 

 

Mai-Juni 1886.  Die Zeitschrift La Vogue veröffentlicht Rimbaud’s Les Illuminations. Das Gedicht Démocratie (verfaßt nach der Niederschlagung der Pariser Kommune) benennt darin den erstickenden Kolonialismus, die Zumutungen kapitalistischer Verhältnisse (die eiskalten Gesetze der Trader) und das Niedermetzeln der logisch folgenden Revolten.
Juni 1872. Marx und Engels berichten in Das Kommunistische Manifest von der Hetzjagd des Papstes, der französischen Rechten (u.a. der Neoliberalen), sowie der deutschen Polizei auf das ‘Gespenst des Kommunismus’.
April 1933. An der Sorbonne hält Antonin Artaud den Vortrag Le théâtre et la peste, in dem er seine These erläutert, dass Pesterreger und anhaltende Aufstände die Gesellschaft hin zu einem kathartischen Punkt führen, auf dessen Kulmination, Energien und Gewalt freigesetzt werden, die revolutionäre Veränderungen herbeizuführen vermögen. Die absolute Freiheit in der Revolte.
Juli 1970.  Carla Lonzi gründet gemeinsam mit Carla Accardi das Kollektiv Rivolta femministe.
29. November 1991. Die Dichterin Miyó Vestrini begeht Selbstmord durch die Einnahme einer Überdosis des Medikaments Rivotril. Es gibt immer einen guten Grund. Die Welt um sich herum zu bescheissen. Brennpunkte einer unsichtbaren Symmetrie.
April 1993. Die Erscheinungsweisen von Gespenstern, insbesondere den Klopfzeichen von Marx und Engels (das Gespenst des Kommunismus), das der Neoliberalismus seit Ewigkeiten für tot erklärt, analysiert Jacques Derrida in einem Vortrag an der University of California, Riverside und postuliert ein Hinausgehen über Hamlets existentieller Gegenüberstellung von Sein und Nichtsein, den marxistischen Implikationen.
2008. M. NourbeSe Philip erzählt/erzählt nicht die Geschichte des Massakers auf dem britischen Sklavenschiff Zong. Aufgrund von Navigationsfehlern benötigte die Zong im Jahr 1781 doppelt so lange für die Rückfahrt von der Westküste Afrikas als vorgesehen, weshalb der Kapitän die daraus resultierende Nahrungs- und Wasserknappheit dadurch auszugleichen suchte, dass er 150 Sklaven über Bord werfen liess, wodurch er später gegenüber der Versicherung einen Rechtsanspruch auf einen Verlust (der Ware!) geltend zu machen hoffte.
25. Mai 2020. Der 46 jährige George Floyd wird von der Polizei in Minneapolis ermordet.

 

 

1| Alles was zur Unsichtbarkeit gezwungen ist muss sichtbar werden.  

2| Die Glasaugenblicke der Dichtung und ihrer Poetiken, die in eigens dafür vorgesehene Räume gesperrt werden. Während die Kunst die Komplicenschaft mit den gegenwärtigen Schweinereien fortsetzt.

3| Verse auf dem Übertragungsweg eines Pesterregers oder mit dem Zünder einer Granate initiiert (Antonin Artaud’s Théâtre de la cruauté und Miyó Vestrini’s Grenade in Mouth). Weil die Poesie Definitionen und Festlegungen zu entkommen versucht.

4|  Die selbstmörderischen Impulse Miyó Vestrinis. Man braucht Zeit und Geduld zum Sterben. Der Tod als Ressource ihrer Poetik. Die innere Schwerkraft sich kreuzender Kontaminationen, die auf eine unkalkulierbare Wahrheit zusteuern. Die wässerigen Gräber, flüssigen Systeme — schliesslich hält man sich auf die eine oder andere Weise am Leben. Im Keller eine Gruppe erfrorener Vorläufer (César Vallejo aus einer anderen Perspektive betrachtet).

5| Eine Poetik der Verwundbarkeit. Sich selbst in einer inkonsistenten Gestalt überlebt zu haben, die Struktur einer verschwindenden Erscheinung (de l’apparition disparaissante). Psychosen, Depression, Neurosen, Schizophrenie: der Schmerz den eine hässliche Welt hervorruft. Der ranzige Geruch falscher Zuversicht. Die lauernde Ratte am Fuß des Bettes. 

6| Zu schreiben als der Tote, den die Gesellschaft aus einem gemacht hat. Lebendig begraben, aus einem Haufen Dreck heraus wild gestikulierend ein paar Zeichen aussendend. Das Hervorbrechen latenter Tiefenschichten der Sprache.

7| Als würde man mit einem der herumfliegenden Glassplitter die pulsierende Oberfläche eines Organs durchziehen. Diagramme ewig gleicher Reflexe. Bis die äusseren Kräfte auf den zentralen Glutkern des Gedichts einwirken.

8| Das Plagiat ist der erste Schritt zur Sabotage (wie der Holzschuh oder Schraubenschlüssel im Inneren/dem Getriebe der Macht). Kreativität als Mythos eines sakralen Schamanentums begriffen. Dichtung, ein Medium verfemter politischer Radikalität.

9| Das nämlich das Schreiben eines Werkes die Ablehnung dieser Welt voraussetzt, die Verweigerung heimlicher Übereinstimmungen.

10| Die Widersprüche in der Organisation der Sprache. Der Autor, eine fragmentierte (zersplitterte) Subjektivität, Schatten einer abwesenden Gestalt, ein Körper in Vorleistung. Ein Demonstrant, der versucht einem Polizeiknüppel auszuweichen, der bedingungslosen Hingabe an Idiotie und Gewalt.

11| Die Verdichtungen und Verschiebungen des Poetischen im Angesicht der Krisen, die kontrapunktischen Wiederholungen eines komplexen Geflechts aus Erinnerungen. Soziale Integration als eingebaute Falle oder die von einem Krähenschwarm zerstückelte Optik, eine fragmentierte Ansicht (work in progress), die verlogene Arithmetik der “white supremacists”. 

12| Wo Position beziehen kein Bild, als vielmehr ein fortlaufend veränderbares Psychogramm innerer Unruhe ist. Die Aufhebung eines Prinzips minimaler Kohärenz.

13| Rote Quadrate willkürlich festgelegter Kriminalitätszonen. Vorhersage-Algorithmen die bloß den pathogenen Charakter des Kapitalismus offenbaren. Zirkulierende Inventare semiotischer Gesichtsbehandlungen.

14| Wenn dir klar wird, dass die Zerstörungsmechanismen eines systemischen Rassismus‘ 8:46 Minuten benötigen, um seine Ziele, den Willen zur Durchsetzung zu unterstreichen, nämlich die endgültige Beschlagnahmung von Eigentum und Leben. Innerhalb eines Rahmens der Visualisierung (es ist schwer zu beschreiben wie man sich dabei fühlt) unterschiedliche Spektren der Individualität auszulöschen. Diese anhaltende Diskurs-Unschärfe.

15| Sollte man die Lüge vor der Wahrheit kennen?

16| Die Stimmungen und ihre Quellen hören und begreifen. Die Erfahrung von Abscheu in Nachlässigkeiten gewickelt, geschleudert in Mikro-Abständen. Das Bild in einer Kugel gefangen, die man vor sich her rollt.

17| Die durchkreuzten Räume des Terrors die M. NourbeSe Philip in ihren fliessenden Texten kartographiert. Ein Chor allmählich sich einschwärzender Abwesenheiten, gespenstischer Auslöschungen des Sinns. Die vokalisierende Phantom-Zunge.

18| Eine poetische Praxis, die das Offensichtliche unterläuft und einen zweiten Blick erlaubt, der sich aus unzähligen Realitätssplittern und Perspektiven vielschichtiger Möglichkeiten zusammenfügt. 

19| This story that must be told; that can only be told by not telling. M. NourbeSe Philip (Zong!) 

20| Spuren, Fussnoten auf der Oberfläche des Wassers eingezeichnet. Innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs mythologischer Hierarchien. Ein kalkuliertes Massaker, das sich als Versicherungsbetrug ausgibt.

21| Perhaps, the fragment allows for the imagination to complete its missing aspects—we can talk, therefore, of the poetics of fragmentation. M. NourbeSe Philip {Zong!)

22| Die inneren Topographien, Täuschungen und falschen Koordinaten. Die Einflüsterungen gefakter Algorithmen. 

23| Alles was du verlieren kannst, wird auf der Habenseite irgendwelcher Milliardäre verbucht.

24| Hölle (da wo sie sich auf den Menschen zubewegt , ausgedrückt als endlose Wiederholung) als subjektiver Status von Ereignissen, Sirenen und Silben, zur Schau gestellter Vokale
a)) das Gewirr schwarzer Gesten in seine kleinsten Teile zerlegt / eine Deklination
e)) die Polizeiwache des dritten Bezirks gestürmt & in Brand gesetzt
i)) Licht-Magier die auf die Entwicklung der Ereignisse einzuwirken versuchen, mehr als ein dekoratives Alibi, mehr als ein Antidot gegen Racial Profiling
o)) als würde man die verbliebenen Reste von Licht von unserer Netzhaut abkratzen wollen
u)) ein Gesicht an einen Nagel gehängt / die nachlassende, eingetrocknete Schwerkraft

25|  The story that simultaneously cannot be told, must be told, and will never be told. MNourbeSe Philip (Zong!)

26| Wortspeicher, die ein Gleichgewicht partieller Fragmente von Erkenntnis, Bruchstücke von Lauten, Wortballungen, ins Wasser gesprochene Leidensverzeichnisse (Kataster) herzustellen versuchen.

27| Das unmittelbare Auftauchen von Dingen von denen man annahm, sie vollkommen vergessen zu haben. Implodierende Spuren flüchtiger Cluster in schier endlosen Kombinationen. Aufforderungen denen man sich nicht verschliessen kann.

28| Jene, die das Beste verkünden und das Schlimmste befürchten lassen, die Wiedergänger und Zombies. Das Phantom, das da ist, ohne hier zu sein und ein marxistischer Code (Marx’ Gespenster), der die Umgebungen infektiöser Toxizität, die nachlässig aufgeschütteten Gräber hinterfragt.

29| Die codierten Albträume, die man sich in Erinnerung ruft. Vollkommen unbekannte Anziehungskräfte gesellschaftspolitischer Gravitationssysteme, von denen wir glaubten sie bereits zu kennen. »Acid Communism« als ein Art Gegen-Exorzismus des Gespenstes einer Welt die frei sein könnte, begriffen (einer postpandemischen, postkapitalistischen Gesellschaft).

 30| Während schon die Sowjetunion ihre Probleme mit den Schriften des jungen Karl Marx hatte (besonders die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 die erst infolge des 20. Kongresses der KPdSU 1957 veröffentlicht werden konnten), stellt das autokratische Regime Putins den Besitz von Marx’ Kapital unter Terrorverdacht (sieben junge Männer in Pensa, deren Geständnisse unter Folter erzwungen werden).

31|  Sich auf Grundlage der Ablehnung des Bisherigen neu erfinden, die eigentlichen, vorherrschenden Strukturen und Modi aufzulösen. Carla Lonzi führt in Autoritratto zwischen 1962-69 Gespräche mit 14 Künstlern, die mit dem Tonband aufgezeichnet, transkribiert, und zu einem auf dem Prinzip der Montage basierenden Text, fragmentiert und nicht-hierarchisch, wild komponiert, zusammengefügt werden.

32| Alles was ist, ist das Gegenteil dessen, was ich bin.

33| Zu sehen wie die eigene Erfahrung sich in der der anderen widerspiegelt. Die Praxis der Autocoscienza (nach Carla Lonzi). Praktiken des Selbstbewußtseins, die nur in der Gemeinschaft funktionieren. Die Immanenz kollektiver Intelligenzen.  

34| »Das Persönliche ist politisch.«
Eine Poetik, die unterschiedliche Sprachverbote (die Disziplinierung widerspenstiger Poetiken) aufbricht oder unterläuft und zu den Manifesten der Rivolta Femminile führt (Sputiamo su Hegel). Schliesslich hat der Marxismus seine revolutionäre Theorie auf der Grundlage einer patriarchalischen Kultur entworfen.

35| Solche Fragmente des Kampfes wie Benjamin sie im Anfangskapitel der Einbahnstraße beschreibt, die aus dem Wechsel zwischen Schreiben und Handeln hervorgehen. Eine praktische Theorie poetischen Überlebens. Weil Dichtung die Möglichkeiten vervielfacht. Die geistigen Anstrengungen geschmackvoll brennender Träume.

36| Kommt man mit Worten der Wahrheit näher? Was kann die Wahrheit sagen?
Der Augenblick in dem eine abgenutzte Sprache ihre Symbolkraft einbüßt (nichts mehr zu sagen hat) und die Sprache in die Dichtung treibt.

37| »La vérité c’est la vérité du texte.« Christophe Tarkos

38| In dem Versuch seine Kräfte aufs Neue zu sammeln. Die irreduziblen Felder des Kampfes. Das Geschwätz von der Deplaciertheit der Ausdrucksmittel. Die Sprache der Toten nachzuahmen kann jeder Hund. 

39| Vai pure ist ein vier Tage dauernder Dialog mit dem Künstler und langjährigen Partner Pietro Consagra. An dessen Ende Carla Lonzi die Schieflage ihres täglichen Zusammenseins festhält.
Sie fragt ihn: Verstehst du mich? Consagra antwortet: Auf jeden Fall. Sie sagt: Dann kannst du jetzt gehen.

40| Ein Haufen Worte mit Benzin übergossen und angezündet.

 

 

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