Denis Roche | Die Dichtung ist unzulässig

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Ansichten über eine extraschnelle                                                                                      demonstrative Lektüre

[I]

Die Dichtung ist unzulässig. Im übrigen gibt’s
sie nicht. Wer, von denen wenigstens, nie „in time“
Nie unerschöpfliche Gallonen Wassers intakt enterd-
Entrées (entered) untersagt, infall – infallgalopp
Anfeuernd meine kalte Geduld — flitzt in das enge
Tor, das unpersönliche Band der Unzufriedenheit.
Bude, Pfahl, der den Ballon macht, die beiden ersticken
Beaus wie Potthäßliche jubeln, scheint’s, nach
All dem Staub, der Magnet, das üppige Mahl,
Das Anzünden, Bügeln der Mäntel der Magier-Könige
Nach all der Bewegung von Allee und Kommets der Affen
Bei ihrer ewigen Stabilität. Wie Gobineau die Dauer,
Die Dichte analysiert, den Durst nach Abänderung am
Fuß des Felsens von Neufundland. Ich werde folglich
Das verblüffende Knie lieben, bebend von kurzem Leben, und
Ich werde sogar so tun wie

 

[II]

Die Dichtung ist unzulässig. Im übrigen gibt’s
sie nicht. Ich habe sie eine Woche zuvor verlassen
Und gesagt: “dieses Leben gelebt von Wolken zwischen uns“
Und wiederholt, daß er das Mineral der Zeit des Winds
Ich gucke durchs Fenster dieses Funkelnagelneuen
Ach, Pott, Schlackenhalde, Schwulst, Riesenlockvogel
Ich steige hoch, ohne mir Mühe zu geben, der dichte
Teppich schmaler, wirrer, öliger Wege
Soße gesunder Lust, Po auf Po in petto
Mit bewegter Binde seit der Reling von letztem
August. Da hilft nichts. Sowieso. Der
Marmor kommt hoch und lockt alles dem Atem ab. Und
Sie lächelt, weil sie sichtlich nichts anderes
Tun kann. Außer, mir offenbar irgendein Aliment
An den Kopf zu werfen, dessen Gemeinheit nur zum
Geheimnis hinzukommen wird.

 

[III]

Die Dichtung ist unzulässig. Im übrigen gibt’s
sie nicht. Ausgehend von diesem Blitz einer Frag-
einer Fragilität des Körpers, der mehr durch Abtröp-ei
Ner Französin, die, aus Abscheu, mich sogar per
Dirnenschlag von ihrem Lager entfernt haben wird. Von
Ihrem Haufen Gummibänder (ein Topf aus Bunzlau wird da
nicht reichen) und aus ihren Himmeln — Schere der
Oberlippe. Der Griff war fest: die
Hose zerrissen, plötzlich passieren so viele
Dinge, daß alles dem überstürzten Aufspringen
Eines Hasen ähnelt, der im Sekundenbruchteil
Seines Sprungs eine Entdeckung macht. In vollem
Blut, wenn alles aus ist und man ruft:
„Gehen wir doch, Hochzeitsgäste!
Gehen wir doch, Hochzeitsgäste“. Und wie dies
Charmant war, die Wünsche und das Reuen, der
Ochs, mit abgeschnittnen Beinen, versagt sogar beim Umrun-
den der Tümpel

 

[IV]

Die Dichtung ist unzulässig. Im übrigen gibt’s
sie nicht. Und durch welchen Kniff meines Hirns?
Aufstiege aus gutem Ton, zu tätscheln den dicken Küra-
Kreischereien sind diese individuellen Ansprüche auf
Die End-Apostrophe, den Magier, die Magen-Gier des Schamanen.
All dies, um ihn mit einer Schwundhand zu berühren.
Die ewige Stabilität. Die Elephantiasis würde wiedererblü-
Rückfließen nur durch intakte Krüge des unwandelbaren
Betragens, die schönen Poeten, die Potteten,
Die geschlossnen Poeten [Glossen und foreclosed] würden schießen
Und spritzen ohne Schwertstreich in freier Luft des
Tümpels des Bilds des Malers von Barbizon. Was-
Serlinsen, Wasserspinnen, Kresse von gestern
Und heute, und durch sich selbst, Gründe von Gaume
Und Lichtbetten, erfüllt von zerschmetterten Helmen
Von Geschirr und Schwalben, die nicht tun

 

[V]

Die Dichtung ist unzulässig. Im übrigen gibt’s
sie nicht, ohne Pantoffel, Sappho – Pan-
Toffel mit Pelz – Aschenputtel: kleine Aschenhaufen
Oder auch Schleuse, riesige Ventilationsschleuse die die
Beine auftut. Metaphorische Süß-Nässung schließlich Luft
Und der gute Riese Cataphote. Oh; — oh, please, lö-
Scht nicht die lapidare Inschrift. Notiz für
Den Familienständer, die Papstbulle ununterbrochen in
Und dann all das Sich-auf-nichts-Reimende: Die Dichtung ist
Oder ist nicht das gequetschte Häschen. Werd es mir
Sagen wird oder nicht sagen wird ist ein Lügner oder ist
Kein Lügner, und was ist dazu zu sagen und zu
Eurem Plunder wenn Hegel, geborener Arcimboldo, dort nur
Mit der Kachel hemmt oder mit nix? Ironie, pflanzliches
Rohr des Straußes der Stauden, aus dem du wirst gemacht haben
Eines Tages trotz meiner Schriften, Glanzstücke das alles und mein
Fieber und meine fürchterliche unzusammenhängende und elende
Wahnrede! Dann, Wunsch oder nicht, dazu als Held
An den Klauen gepackt –––––––––––––––––––––––––

 

[VI]

Die Dichtung ist unzulässig. Im übrigen gibt’s
sie nicht, artig den Rücken gegen die Kapseldeckel
Die Öffnung als Gitter, Kaskade, Mahl, oder ferner
Das Schulterblatt als ich sie zum ersten Mal sah
Memento, vorgespannt, allzu geködert durch die Perspektive
Dieser Ohnmacht, mit Stoff bespannt, die Luft recht nah.
3 Zeilen im Schlaf und ich sah schließlich ü-
ber den Faslern ein mähliches Steigen der Heide
Der Baskervilles auftau-: Das Wasser gluckste aber
ohne daß das gewöhnliche Unmaß der Erzählung den Kurfürsten
Ganz auf Knien angetroffen hätte — das heißt ihn Sire
Heißen, die Ordnung des Tags buchstabieren, dieses festen Tags
Das Wasser gluckst schwach gegen den Rand des Pfa-
ds und die Umgebung verschafft uns gleich-
Zeitig Befriedigung und Schüttelreim. Welche ich
Nicht begreife. Und du Vivisekteurin des Wu-
Chses. Und die Dichtung, Gaumen / Palast für Bulimiekranke.
Pilotenkanzel, um nichts zu sein. Und sagen, daß die Bio-
logie alles lösen könnte!

AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON RAINER G. SCHMIDT
SCHREIBHEFT
DENIS ROCHE  | LA POÉSIE EST INADMISSIBLE

 

 

 Photographien: Denis Roche

 

 

Hubert Damisch | Deadline

Darinnen fand sie eine kurze Zeitspanne
eingefangen; alles darum herum ist Ellipse.“       
                                                     Denis Roche, Ellipse et laps

[. . .]

Alle Fragen der Chronologie (doch nicht der Chrono-Logik) einmal beiseite gelassen, sind – soviel ist sicher – die Photographien als deren Autor sich Denis Roche ausgibt, das, was sie sind, durch Kraft und Wirkung der Risiken, die der Schriftsteller in ihnen auf sich nimmt, Risiken, die ihrerseits wiederum dem Bereich oder der Ordnung der Schrift angehören, welche sich auf noch andere als nur analo(gisch)e Weise in diese Operation einbegriffen sieht (die Analogie zwischen der Handhabung eines Photoapparates und der einer Schreibmaschine, die der Schriftsteller gern betont, mit all den damit zusammenhängenden Zwängen, angefangen bei jenem des Rahmen oder des Randes: das, was Roche auch „la forme signifère limite“ nennt). Nicht, daß diese Photographien direkt dem Konto der Literatur zuzuschlagen wären, und noch viel weniger, daß man sie ohne weiteres als ‚literarisch‘ bezeichnen könnte. Gewiß handelt es sich hierbei – nach dem Bekenntnis des Autors selbst – um Schrifstellerphotographien (“Der hinter seinen Apparat gebeugte Schriftsteller richtet sich, gleichsam verblüfft, wieder auf, etc.“), doch nicht irgendwelche Schriftstellerphotographien, und nicht von irgendeinem Schriftsteller.

[. . .]

Tatsächlich steht es mit der Verflechtung von Schrift und Photographie derart, daß man nicht mehr zu sagen vermöchte, was in deren Mäandern und Knoten zur einen oder zur anderen gehört: Wenn man heute auch dazu neigt, alles, auch die Photographie, der Rubrik der Schrift einzuschreiben – wie wäre es möglich, nicht zu sehen, das durch die Wirkung besagter Verflechtung die Schrift ihrerseits sozusagen von der Photographie besessen ist. Von ihr besessen, durch sie in die Enge getrieben, in die Zange genommen [prise en écharpe], doch keineswegs versteinert und in den Bann geschlagen, wie es ihr gegeseitiges Kräftemessen zur Genüge zeigt.

[. . .]

Mache ich mich recht verständlich, wenn ich sage, daß (a) die Photographie sich nur zu schreiben vermöchte (oder daß man nur über sie zu schreiben vermöchte) unter der Bedingung, daß sie, ich wiederhole es, der Form der Schrift entkommt, die jene der Geschichte ist, und daß (b) die Photographie für Denis Roche nichts anderes ist als die Schrift (und mit ihr die Freiheit), fortgeführt und verfolgt mit anderen Mitteln (so wie Clausewitz es vom Frieden in seinem Verhältnis zum Krieg sagte), beide jeweils bis zu jenem Punkt vorangetrieben, an dem das Wort ‚Geschichte‘ wieder einen bescheidenen und akzeptablen Sinn fände, …

Hubert Damisch | Fixe Dynamik
DIAPHANES

 


In Denis Roche’s 1982 erschienenen Band La Disparition des lucioles (Das Verschwinden der Glühwürmchen) findet man den Lettre à Roland Barthes sur la dispariton des lucioles. Darin schreibt Roche über den Tod Barthes‘, der von einem Lastwagen fortgerissen wird und an den Folgen des Unfalls verstirbt. „ [. . .] das Erste, was ich höre, ist, Sie seien vornüber gefallen und Ihr Gesicht sei eine einzige Wunde; ein gemeinsamer Freund berichtet mir von seinen Besuchen im Krankenhaus und sagt mir, er habe es nicht ertragen, wie sie auf Schläuche gezeigt hätten, durch die noch Leben zu Ihnen drang, als wollten Sie sagen: ‚Lassen Sie uns das doch abschalten, es hat keinen Sinn mehr.'“ Denis Roche erkennt eine Parallele zum gewaltsamen Tod Pier Paolo Pasolinis. Barthes hatte sich einige Monate vor seinem Unfall Notizen zu einem Roman über den Tod Pasolinis gemacht. “Rächerroman. Die Idee, mit einer Art Ritualmord zu beginnen (die Gewalt ‚ein für alle Mal‘ austreiben): Suche nach Pasolinis Mörder (der, glaube ich, wieder frei ist).“
Der italienische Dichter Franco Fortini erkennt in seiner Hommage an Barthes ebenfalls erstaunliche Verbindungen zwischen Pasolini und Barthes.
1976 hat Barthes für Le Monde einen Artikel über Pasolinis Salò verfaßt.

Nachzulesen in Tiphaine Samoyault | Roland Barthes. Biographie 2015

 

 

 

 

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