HIER UND ANDERSWO / HERE & ELSEWHERE

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Das Ganze ist eine Frage dieser oder jener Gegenüberstellung visueller
Momente, eine Frage der Intervalle.
Dziga Vertov; Kinoki — Umsturz

 

[1] Harun Farocki / Jean-Luc Godard: Was tun?    

Sehen bedeutet, anfangs die Augen zu entwaffnen, um sie hinterher wieder neu zu bewaffnen. Position beziehen. An verschiedenen Orten zur gleichen Zeit. Auf der Suche nach den immer wieder neu ansetzenden Taktiken des Kampfes. Die unmittelbar rasende Ungeduld die Linearität des Scheiterns aufzubrechen. Etwas Klebstoff reicht aus einen Fingerabdruck zu verwischen. [LE VENT D’EST] Decke nicht alle Seiten der Dinge auf. Bewahre dir einen Spielraum an Unbestimmtheit. Sergej Eisensteins Film STREIK zeigt den realen Horror sozialen Elends als dokumentarische Allegorie. Die Niederschlagung eines Aufstands, der in der Erschiessung von 1500 Arbeitern mittels eines halluzinativen Kontrapunkts endet: die vor den Schergen flüchtende Menge und dem im Schlachthof getöteten Vieh. Später hatte Eisenstein ins Auge gefaßt, Das Kapital von Marx zu verfilmen [an den experimentellen Charakter des Ulysses anknüpfend], seinen ästhetisch-politischen Ansatz weiterführend, einen wesentlich revolutionären Zustand der Dinge zu erreichen. Aber in Moskau hätte man ihn der Desertion überführt. Schuss-Gegenschuss. Es gibt keinen Trost. Während man sich die Totenmaske vom Gesicht reißt. Verwerfe alles, was vom Realen nicht wahr wird. Damit alles sich ändert. Wir haben Bilder gemacht, wird Godard rückblickend sagen, und dabei die Lautstärke sehr hoch gedreht. Von einem Augenblick zum anderen. Mit dem Geräusch zersplitternden Glases um uns herum. [ICI ET AILLEURS] Rosa Luxemburg schreibt einen Tag bevor man auch sie niedermetzelt von den Bacchanalen, die die Bourgeosie, die Ordnungsmeute auf ihren Opfern abhält. Vom perversen Glück der Peiniger: dem Flüstern der Parias im Verborgenen. Zwischenräume grauenhaften Ausmaßes. Aufrechterhalten durch kontinuierliche Polizeiarbeit, dem Züchten von Treibhausrosen, Gesetzen und Grenzanlagen. Der Liquidation des poetischen Wortes. Kreidekreise, die man um ein paar Schuhe, ein Fahrrad, eine Blutlache zieht [die Wundmale des Kapitalismus]. Und selbst aus der Bestrafung ein Spektakel inszeniert, den Bildern der Fratze der Repression. Dispositive der Macht an jeder Ecke: Überwachungskameras und Augenscanner, kaschierte Fingerkuppen erhaben wie Racial Profiling und Algorithmen. Schön wie Faschisten und Cops, Hand in Hand, in immer wieder neu erlaufenen Kreisen, den Ring enger ziehen. Das Gefühl dir wird die Luft abgeschnürt, das Gefühl die Augen weiteten sich bis auch der letzte Blick sich schließt, alles Reden unmöglich erscheint, das Gefühl innerlich zu verbrennen, die Gewalt ohne Phrase, das Gefühl in Flammen zu stehen, abgeschnitten zu sein, mit stockendem Atem, vom Rest der Bilder der Welt [Jan Palach am 16. Januar 1969]. Verschliesse nicht die Augen vor den Bildern oder den Erinnerungen daran. Den Tatsachen und Zusammenhängen. [NICHT LÖSCHBARES FEUER] Das wilde Gelächter der Toten. Du bist nah genug dran sie sagen zu hören: Nimm alles! Das Denken zur Höhe des Zorns erheben, einer rückhaltlosen Selbstinvestition [Guerilla-Taktik]. Während dir das Lebensgift die Glieder verdreht. Eine Wollust, den ersten Stein zielsicher zu platzieren. [IHRE ZEITUNGEN] [In der Abblende hört man das Klirren von Scheiben].

 

[2] Celan Video 1968

Der volle / Zeithof um / einen Steckschuss [in der rechten Brustseite, der Wange & im Kopf]: während Celan [Ostern ’68] die Mapesbury Road durchläuft, ungefähr zwischen dem Borough of Willesden und dem Borough of Hampstead [die unterlegte Tonspur der hin und her fahrenden roten Züge]. Das revolutionär Imaginäre. Die Ereignisse vollziehen sich in rasender Geschwindigkeit [Martin Luther King, DREI SCHÜSSE AUF RUDI DUTSCHKE]. Die Angst der Macht vom Thron gestossen zu werden. Die Dinge in eine Richtung laufen zu sehen, die sie nicht bedacht hat. Neben dem Trotzki-Portrait im Hof der Sorbonne in Runenschrift nach den Aufständen in Nanterre & Paris: CRS=SS. Der protokollierte Fortschritt der im Lauf nach hinten ausschlägt. Hirntransplantate und falsche Bärte, die nicht nachwachsen [Karl Marx im Fernsehen]. Die Hervorbringung von Differenz [die Ununterscheidbarkeit des ›richtigen‹ vom Fehlläuten der Nachtglocke Kafkas / Tonspur vom Ende der Erzählung Ein Landarzt]. In der Rue Tournefort unter Celans Fenstern die Barrikaden der Anarchisten. In roter Farbe auf eine Wand gepinselt: Insoumission. Und auf der Gegenseite extravangante Besitztümer. Nekrotrophe Fetische des Kapitals [in der Nacht zum 11. Mai die Sirenen, die Hubschrauber über den Dächern]. Die klandestine Freude an der Denunziation. Sich im Sprung durchs Feuer noch zu strecken, die irre Wut kann niemals ausreichen. Nach einer Lesung in Vaduz fragt ihn sein Freund Gherasim Luca: „Und für dich, was ist das, die Poesie?“ Zwischen bewaffneten Bereitstellungslinien zerschlagen Truppen des Warschauer Paktes am 21. August den Prager Frühling. In die Einstiegsluken der Panzer werfen junge Tschechen anstatt Molotow-Cocktails Flugblätter in russischer Sprache. Poesie ist das Gegenwort, das Wort, das den Draht zerreißt, es ist ein Akt der Freiheit, so Celan in Der Meridian. Am 15. November greift Celan im Wahnzustand einen Nachbarn an und wird von der Polizei in die Psychiatrische Ambulanz gebracht. Erfroren im Hin und Her zwischen den Feuern, verweigert er jedes Wort. Stumm und mit verschränkten Armen wird er schließlich nach dem Code De La Santé Publique von 1838 zwangseingewiesen. Tage später beginnt er damit, Verse an die Tür seiner Zelle zu hämmern. Ganz so wie man einen Nagel in eine Wand schlägt.

 

 

HERE & ELSEWHERE

It’s all a question of this or that juxtaposition of visual Moments,
a question of intervals.
Dziga Vertov — A Revolution

[1] Harun Farocki / Jean-Luc Godard:
What is to be done?

Seeing means disarming the eyes at first & rearming them afterwards. Taking a stand. In different places at the same time. On the search for the ever-new tactics of combat. The immediately abrupt impatience to break the linearity of failure. A little glue is enough to blur a fingerprint. [LE VENT D’EST] Don’t uncover all sides of things. Give yourself a margin of vagueness. Sergei Eisenstein’s film STRIKE shows the real horror of social misery as documentary allegory. The suppression of a rebellion in the shooting of 1,500 workers by means of a hallucinatory counterpoint ends: the crowd, fleeing of the minions, and the cattle killed in the slaughterhouse. Later Eisenstein had envisaged filming Marx’s Capital [related to the experimental character of Ulysses], continuing its aesthetic-political approach in order to achieve a substantially revolutionary state of things. But in Moscow, he would have been convicted of desertion. Shot-reverse shot. There is no comfort. While ripping the death mask off one’s face. Discard everything that does not come from the real as true. So that everything is changed. We’ve taken pictures, Godard will say in retrospect, turning the volume very high up. From one moment to the next. With the sound of splintering glass around us. [ICI ET AILLEURS] Before she too is slaughtered by the Bourgeois the mob of order, Rosa Luxemburg writes about the Bacchanalia, which the bourgeoisie regularly holds upon its victims. From the perverse happiness of the tormentors: the whispering of the pariahs in secret. Gaps of ghastly proportions. Maintained by continuous police work, by the breeding of greenhouse roses, laws and border installations. The liquidation of the poetic word. Chalk circles one makes around a pair of shoes, a bicycle, a pool of blood [the stigmata of capitalism]. And stages a spectacle even from the punishment, the pictures of the face of the repression. Dispositifs of power at every corner: surveillance cameras and Eye scanners, concealed fingertips lofty like racial profiling and algorithms. Sublime as fascists and cops, hand in hand, within circles run newly over and over again, the ring drawing tighter. The feeling of getting the air closed off from you, the feeling of the eyes widening until the last look itself closes shut, all taking seems impossible, the feeling of burning inside, violence without phrase, the feeling of standing in flames, cut off, with stagnant breath, from the rest of the images of the world [Jan Palach on 16 January 1969]. Do not close your eyes to the pictures or memories thereof. The facts and contexts. [NICHT LÖSCHBARES FEUER] The wild laughter of the dead. You’re close enough to hear them say: Take everything! To the elevate thought to the height of anger, a complete self-investment [guerilla tactics]. While life poison twists your limbs. A pleasure to place the first stone accurately. [IHRE ZEITUNGEN] [In the dimming you can hear glass breaking].

 

[2] Celan Video 1968

The full / time-yard around / a bullet lodged in the body [in the chest to the right, in the cheek and in the head]: while Celan [Easter ’68] goes through Mapesbury Road, somewhere between the Borough of Willesden and the Borough of Hampstead [the underlying soundtrack of the red trains toing and froing]. The revolutionary imaginary. The events take place at breakneck speed [Martin Luther King, DREI SCHÜSSE AUF RUDI DUTSCKE]. The power’s fear of being dethroned. To see things running in a direction it hasn’t considered. Next to the Trotsky portrait in the courtyard of the Sorbonne, following the uprisings in Nanterre and Paris, an inscription in Runic writing: CRS = SS. The protocolled progress that swings backwards in the run. Brain transplants and false beards that do not grow back [Karl Marx on TV]. The production of difference [the indistinguishability of what’s “right” from the Kafka’s false alarm on the night bell / soundtrack from the end of his A Country Doctor]. Anarchist’s barricades under Celan’s windows in the rue Tournefort. Painted in red on a wall: Insoumission. And on the opposite side, extravagant possessions. Necrotrophic fetishes of capital [in Night of 10/11 May the sirens, the helicopters over the roofs]. The clandestine joy of denunciation. To stretch, even when jumping through the fire, as the mad fury can never be enough. After a reading in Vaduz his friend Gherasim Luca asks: “And for you, what is it , this poetry?” Amidst the armed deployment lines, on the 21st of August Warsaw Pact troops batter the Prague Spring. Instead of Molotov coctails, young Czechs throw leaflets in Russian down the access hatches of the tanks. Poetry is the counterword, the word that breaks the wire, it is an act of freedom, thus Celan in The Meridian. On November 15, in a delusional state Celan attacks a neighbour and the police drive him off in a psychiatric ambulance. Frozen in the back and forth between the fires, he refuses to utter a word. Mute and with folded arms he’s finally compulsorily admitted in accordance with the Code de la Santé Publique of 1838. Days later he starts hammering verses onto the door of his cell. Just as one hammers nails into walls.

 

English translation: Alienist Manifesto #4

by David Vichnar & Tim König

 

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